Die Umstände

Prokrastination ist wirklich einer meiner engen Freunde und wir verstanden uns immer gut.

Die Schulzeit konnte ich mich durchmogeln, indem ich mündlich so viel mitgearbeitet habe, dass ich meine schlechte schriftliche Note ausbügeln konnte, welche schlecht war, weil ich mich wirklich nicht auf Schule konzentriert habe – das ist ein Understatement. Schule war mir scheiß egal. Es hat mich nichts wirklich daran interessiert. Ich wollte eigentlich nur nach Hause und mit meinen Freunden zocken. Somit sah mein Tag nach der Schule wie folgt aus: Rucksack in die Ecke schmeißen, Computer an, zocken, schlafen, aufstehen, Schule, Rucksack in die Ecke schmeißen, etc.

Die Schuld an diesem vorzüglichen Verhalten gebe ich, natürlich, meinen Eltern. Meine Mutter ist gestorben als ich neun Jahre alt war. Mein Vater hat im Außendienst gearbeitet und war entweder selten oder erst sehr spät daheim – gefühlt gar nicht. Er war keine Autoritätsperson. Zu keinem Grad. So etwas stellst Du als Kind schnell fest. Drohungen oder Konsequenzen wurde schnell als leer enttarnt. Ein Freifahrtschein für jedes Kind. Zähne müssen nicht geputzt werden, wenn man darauf gerade keinen Bock hat – wird ja sowieso nicht kontrolliert. Hausaufgaben werden nicht erledigt – der Brief wird eh unterschrieben. Blau machen ist leicht, weil der Vater eh nicht zuhause ist. Es war wirklich fantastisch. Jedenfalls als 15-jähriger Teenager, der keine anderen Sorgen hat als „Wie viel muss ich trainieren, damit ich in Counter Strike den höchsten Rang erreiche?“

Im Nachhinein ist dieses Bild, was ich gerade gemalt habe, mehr als traurig. An vielen Enden. Und das ist natürlich nicht alles. Und mir ist auch bewusst, dass es andere schlimmer haben. Dass ich „froh“ sein kann, dass ich nicht sexuell missbraucht wurde oder geschlagen oder sonst irgendwas. Ich wurde „nur“ vernachlässigt. Emotional und physisch.

Dadurch, dass ich nie mit Disziplin konfrontiert wurde, war ich der Faule. Jede Notenbesprechung hat folgenden Satz beinhaltet: „Daniel, was wir machen müsste dir eigentlich leichtfallen, du bist nur faul.“

Wenn dir das über Jahre immer wieder erzählt wird, glaubst Du das auch. Ich meine wieso auch nicht, es war schließlich die Wahrheit. Ich bin faul. Unfassbar faul. Es sei denn etwas interessiert mich. Und das ist der Anker, den ich glücklicherweise irgendwann mal erkannt habe.

Schule hat mich aber prinzipiell nicht interessiert. Das tollste war der Kunstunterricht, indem wir malen konnten was wir wollten und dafür eine 1 bekommen haben. Im Sportunterricht haben wir häufig Spiele gespielt, oder irgendetwas aufregendes gemacht, wie Hochsprung, oder Weitsprung, Sprint. Etwas, worin man sich offensichtlich verbessern konnte – so etwas finde ich toll.

Von allen „wirklichen“ Fächern hat mich nur Mathe interessiert. Probleme lösen und damit angeben, dass man sie schneller gelöst hat als der Nachbar, ist genau der Cup of Tea, der mich packt. Abseits davon hatte ich einfach tolle Lehrer in dem Fach. Das hat sehr geholfen, weil Mathe das Fach ist, was meistens am Lehrer scheitert, wenn es denn scheitert.

Deutsch fand ich immer langweilig, weil wir ab einem gewissen Punkt nur gelesen haben. Bücher die mich nicht interessiert haben, außer der „Taugenichts“. Den fand ich toll, weil ich mich mit ihm gut identifizieren konnte. Habe ich doch selber nie was Nützliches gemacht. Das einzige was gefehlt hat war der Vater, der Konsequenzen durchsetzt (mich rausschmeißt).

Einige Jahre und Niederlagen gehen vorbei und ich befinde mich tatsächlich im Studium für angewandte Mathematik. Klingt erst mal ganz gut, denke ich.

Ich muss(-te) viel aufholen. Dinge, die andere seit Kindesalter mitbekommen haben, wurde mir nicht mitgegeben. Disziplin – an Dingen arbeiten, die man nicht ausstehen kann, Organisation – wann wird was erledigt, Umsetzung – Dinge anpacken und machen, Fertigstellung – Angepacktes auch beenden.

Das sind alles Dinge, die Dich im Studium einholen, wenn Du sie nicht schon vorher gelernt hast. So wie sie mich auch eingeholt haben. Im Studium arbeitest Du für Dich, in erster Linie. Du hast dich um deine Abgaben zu kümmern. Um die Nachbereitung der Vorlesungen, die Vorbereitung der Vorlesungen. Andere Kommilitonen finden, damit Du nicht komplett alleine dastehst.

Speziell bei mir hat davon… alles gefehlt. Ich bin irgendwann nicht mehr zu den Vorlesungen gekommen, habe meine Abgaben entweder vom Internet abgeschrieben oder irgendwie hingeschmiert und gehofft, dass ich dafür noch genug Punkte bekomme, dass ich zur Klausur zugelassen werde, damit ich diese dann zwar schreiben aber nicht bestehen kann.

Ein tolles System.

In meinem fünften Semester habe ich es dann geschafft: Das „0-CP Semester“.
Keine Prüfungen bestanden, keine Scheine bekommen. Nichts. Einfach ein ganzes Semester, ein halbes Jahr, komplett in den Sand gesetzt. Technisch gesehen habe ich eine Vorleistung bestanden, womit ich wenigstens zu einer Klausur zugelassen bin, aber es ist wirklich schon sehr miserabel.

Ein Weckruf. Ein deutlicher. Das war der Punkt, an dem sich einiges geändert hat – jedenfalls bisher.
Nun bin ich im sechsten Semester und nehme mein Studium das erste Mal seit dem ersten Semester wirklich ernst. Ich belege aktuell sieben Fächer, insgesamt 40CP, was 10CP mehr sind als eigentlich von meiner Hochschule angesetzt – und die angesetzte 30CP macht eigentlich keiner hier. Eher 20. Es gibt ein paar die das Studium hier in Regelstudienzeit beenden, aber die Mehrheit braucht mehr, nimmt sich mehr, eines von den beiden.

Ich brauche voraussichtlich neun. Ich möchte im achten Semester alle Kurse beendet haben, damit ich dann im neunten meine Bachelorarbeit schreiben und das Praktikum absolvieren kann. So jedenfalls die Theorie.

So viel bis hierher. Ich muss heim.

Denni.

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