Von Gefühlen und „Warum“

Eigentlich wollte ich über Gefühle schreiben, und wie man über sie reden kann. Upsi – etwas verrannt. Wurde dafür umso persönlicher.

In meiner Vergangenheit habe ich immer gerne über Gefühle gesprochen. Woher sie kommen, was sie mit mir als Mensch machen, was mögliche Konsequenzen sind…

Ich war immer so sehr damit beschäftigt über Gefühle zu reden und sie wie im Biologieunterricht zu sezieren, dass ich ganz vergessen habe, sie tatsächlich zu fühlen.

Stichwort: Intellektualisierung

Intellektualisierung steht in der Psychologie für die Überbetonung des Verstandesmäßigen durch eine Person, wobei meist Emotionen auf Logik reduziert werden. Ein Grund für die Intellektualisierung ist der Versuch, durch abstraktes Denken bzw. Generalisierung emotionale Konflikte kontrollieren oder minimieren zu wollen. In manchen Fällen versuchen Menschen durch die Intellektualisierung starke Gefühle wie Scham zu vermeiden. (Stangl, 2023).

Stangl, W. (2023, 7. Mai). Intellektualisierung – Online Lexikon für Psychologie & Pädagogik.
https://lexikon.stangl.eu/9861/intellektualisierung.

Das hat den Nagel also perfekt auf den Kopf getroffen.

Jetzt wo ich das weiß: Wie gehe ich damit um?

Jahrelanges Versteckspielen hinter diesem Abwehrmechanismus (engl. coping mechanism) wird nicht einfach so innerhalb eines Fingerschnippens eingerissen und neu aufgebaut. Es ist andauernd. Wie so vieles andere auch, was man für solch einen langen Zeitraum etabliert und festigt.

Auch wenn ich immer noch Unterstützung brauche, um meinen Gefühlen tatsächlich den notwendigen Platz zu geben, wird es besser.

Jetzt ist vermutlich der Punkt erreicht, an dem ich erwähne, wie gut mir Journalen tut und auch die tägliche Session Meditation mich immer näher zu mir selbst trägt. Was bestimmt so wäre, wenn ich das denn täglich täte.

Meditation finde ich tatsächlich wirklich schön – tue ich aber nicht jeden Tag.

Journalen habe ich probiert, war nie wirklich meins. Dafür dankbar sein, dass ich fließend Wasser habe und ein Dach über dem Kopf, für das ich weder gearbeitet noch geleistet habe, hat mich nie positiver gestimmt, als ich eh schon war. Schließlich habe ich stets alle Gefühle aus dem Raum gebeten, indem ich ihnen den Weg nach draußen beschrieben habe.

Springender Punkt ist: Jetzt wo ich weiß, wofür ich eigentlich täglich mein Journal in die Hand nehmen und beschreiben sollte, werde ich das vermutlich auch tun.

Es kommt auf das „Warum?“ zurück, womit ich so häufig Probleme habe.

Warum soll ich studieren gehen?

Warum soll ich viel Geld verdienen wollen?
Warum haben andere Leute Erwartungen an mich?

Warum soll ich morgens überhaupt aufstehen?

Ein kleiner Teil meiner langen Liste von „Warum?“, die mich in meinem täglichen Leben begleitet und daran hindert, überhaupt etwas zu tun. Ich arbeite daran, weniger Fragen zu stellen.

Das Studium habe ich mir selbst ausgesucht. Ich hätte auch genauso gut eine Ausbildung anfangen und beenden können (der letztere Teil war das Problem).

Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Akademiker gibt bei uns keine – jedenfalls in unmittelbarer Nähe. Dementsprechend ist natürlich der Reiz gegeben, als erster Akademiker aus dieser Familie aufzugehen. Eine dumme Motivation, wenn ich es mir so überlege. Glücklicherweise habe ich mir mit angewandter Mathematik ein Studium ausgesucht, was mir erstens Spaß macht – größtenteils, und zweitens für großes Aufsehen sorgt – solange ich das eben auch beende.

Das ist die Metrik, in der alles bewertet wird, ohne dass man mir gezeigt hat, wie das eigentlich geht. Dinge nicht zu beenden, wurde mir von Kindesalter mitgegeben. Beziehungsweise wurde es mir nie ausgetrieben. Nie hat mich jemand an die Hand genommen und gesagt: Komm, Jung, wir machen das zusammen fertig. Disziplin wurde mir nie beigebracht. Damit habe ich jetzt zu kämpfen, auf vielen Ebenen. Ziemliche Kacke, wenn Du mich fragst.

Ich gebe meiner Familie und den Umständen die Schuld daran, dass ich nie mit Disziplin konfrontiert wurde. Und ich bin auch der Meinung, dass ich volles Recht für diese Schuldvorwürfe habe.

Auf der anderen Seite steht die Verantwortung. Ich bin jetzt alt genug, um das Problem zu erkennen und dementsprechend zu agieren und zu lernen. Disziplin ist definitiv etwas, was man früher als Mitte zwanzig lernen sollte. Über meine Identifikation mit dem Buch „Der Taugenichts“ habe ich schon geschrieben. Disziplin alleine im Erwachsenenalter zu lernen, ist definitiv möglich. Aber es spaltet mich natürlich von meiner Familie ab, weil ich wirklich dankbar dafür bin, dass ich als Kind vernachlässigt wurde und jetzt mit den Folgen alleine klarkommen muss, weil ich in der Vergangenheit ja gelernt habe, dass sich niemand um mich kümmern möchte.

Der letzte Absatz ist ein schönes Beispiel für den Unterschied von Schuld und Verantwortung. Nur weil andere Menschen oder äußere Umstände an deinem Leid oder deiner Situation schuld sind, bist es meistens Du, die/der die Verantwortung trägt, das wieder auszubaden. Auch wenn uns das ziemlich stinkt.

Warum soll ich viel Geld verdienen?

Na ja. Der Punkt ist eigentlich ziemlich offensichtlich. Ich möchte viel Geld verdienen, aufgrund dessen, was Geld mir meiner Meinung nach ermöglicht.

Ein Haus mit großem Garten (Freiheit), mein Traumauto (Status). In der Lage zu sein, mit meiner Frau schick essen zu gehen. Beim Einkaufen an der Kasse nicht schlucken müssen. Die professionelle Zahnreinigung nicht auf nächsten Monat schieben müssen. Meinen Wagen volltanken können. Nicht hoffen müssen, dass die Katzen gesund bleiben, weil Tierärzte verdammt teuer sind.

Ich möchte derjenige sein, der Geld verdient, nicht meine Partnerin. Sonst wäre ich wieder in der Situation einen Lifestyle pflegen zu können, aus dem ich ja gerade heraus möchte. Ich möchte mit viel Geld viele tolle Dinge tun. Ich denke, Du verstehst.

Warum haben andere Leute Erwartungen an mich?

Das können sie gerne tun. Das Problem ist, dass ich allen Erwartungen gerecht werden möchte. Ich kann dir gar nicht sagen, warum ich diese unrealistische Ansicht habe. Wann sie sich in meinen Schädel eingenistet hat. Aber alle müssen absolut nur Gutes über mich denken. Schrecklich.

Ich arbeite aktuell daran, das zu ändern.

Nicht, dass Leute keine Erwartungen mehr an mich haben, sondern mir selbst auszusuchen, welche Erwartungen ich erfüllen möchte und welche nicht.

Meine Cousine hat mir neulich ein digitales Fotoalbum in Tablet-Form in die Hand gedrückt und gesagt: „Schließ das mal bei der Oma an und erklär ihr das.“ Ah. Super, danke …

Es wurde angeschlossen.

Warum soll ich morgens aufstehen?
Jedenfalls nicht, um meiner Oma irgend so ein Tablet anzuschließen, was sie am liebsten eh nicht in ihrer Wohnung hätte.

Die Frage ist nicht neu. Für mich sowieso nicht und für viele anderer erst recht nicht. Vielleicht für dich ja ebenfalls.

Es kommt auf den Punkt von oben zurück: Warum.

Wofür soll ich überhaupt aufstehen? Mir ist klar, dass das Leben nahezu unendlich viele schöne und umwerfende Dinge zu bieten hat. Wir reden hier aber gerade auch mit der Prämisse miteinander, dass ich meine Gefühle nicht mehr so stark intellektualisieren möchte.

Ich tue mich schwer, es zu sagen. Es zu betiteln. Den Begriff wirklich bei mir anzuwenden. Einfach, weil ich weiß, wie schwer es andere haben. Was andere Menschen jeden Tag für Leid durchqueren müssen. Aber ich sage es und fühle mich damit wirklich, wirklich schlecht:
Ich war/bin depressiv. Zeitweise in meinem Leben auf jeden Fall. Der Gedanke, mit meinem orangen Mazda MX5 98′ gegen einen Baum oder eine Leitplanke, eine Brücke oder eine Wand zu fahren, ging mir fast jedes Mal durch den Kopf, wenn ich in diesem wirklich tollen Auto unterwegs war. Und es lag definitiv nicht am Auto. Ein Verkauf, dem ich etwas nachtrauere. Das ist aber gerade nicht das Thema.

Der Gedanke, dass alles einfach vorbei sein könnte, ist verlockend. War er lange Zeit sehr stark und ist er aktuell immer noch ab und an.

Momente, in denen meine Familie miteinander über das Erbe meiner lebenden Oma streitet oder sich mein Vater über Wassertropfen auf dem Boden aufregt, tragen dazu bei.

Das kommt vermutlich daher, dass ich Konfrontationen gerne aus dem Weg gehe. Dort kommt eine Eigenschaft zum Vorschein, von der ich immer dachte, dass ich sie schon gut ausgebaut hätte, bis mir klar wurde, dass ich mich nur selber belüge: Resilienz. Dachte ich immer, dass ich die hätte – habe ich wirklich gar nicht.

Ein anderes Gesetz:
Wenn Du denkst, dass Du in etwas wirklich gut bist, bist Du es vermutlich nicht.

Auf den Gedanken kamen garantiert schon anderer und selbst dann ist es stark ausbaufähig, weil es nur teilweise zutrifft. Bei mir trifft es nur fast immer zu, weil ich bisher in nichts wirklich gut bin, meiner Meinung nach. Dass das alles eine Frage der Perspektive ist, liegt ebenfalls auf der Hand. Allerdings ändert Deine Perspektive nichts daran, wie gut Du das Tor beim Fußball triffst oder wie viel Gewicht Du beim Kreuzheben ziehen kannst.

Der Dunning-Kruger-Effekt ist jedenfalls in meinem Dasein regelmäßig zu finden. Gerne googeln, zusammen mit dem „Learning Curve Graph“. Tolle Sachen. Machen wir nächstes Mal vielleicht weiter mit.

Bis dahin.

Denni.

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